Frontera Verde
Um die Morde an mehreren Klosterschwestern im kolumbianischen Amazonas-Urwald aufzuklären, fliegt eine hartgesottene Großstadt-Polizisten aus Bogota zurück in jenes Gebiet, vor dessen magischen Verstrickungen sie einst das Weite suchte – und wird von ihrer Vergangenheit unweigerlich eingeholt. Eine Crime-Thriller-Serie, wie keine andere getränkt vom Geist des Ayahuasca.
Das der amazonischen Regenwald einen endlosen Fundus an Pflanzen bereithält, die hilfreich für das menschliche Wohlbefinden sein können, beweist der Warenbestand jeder Apotheke. Dass aber gerade die solchermaßen einschlägigen Heilpflanzen mit dem größten Potential im Westen gefürchtet und verboten sind, war lange Zeit ein bestens gehütetes Geheimnis. Erst in den letzten Jahren gelangt mit der anrollenden psychodelischen Renaissance langsam ins Mainstream-Bewusstsein, welch mächtige Wirkungen Gebräue mit den Hauptingredienzen Caapi und Chacruna haben.
Die Rede ist freilich von einem der wichtigsten Sakramente der amazonischen Schamanismus: Ayahuasca, dem Trank, der Menschen auf physikalischer Ebene heilt und sie gleichzeitig auf der Bewusstseinsebene in so direkter Weise in die Welt der Geister und Götter katapultiert, dass mystische Erfahrungen und eine nachhaltige Veränderung des eigenen Blicks auf Welt und Existenz schier unvermeidlich sind. Ayahuasca ist in Österreich bei Kerker verboten. In Brasilien, Kolumbien und zahlreichen anderen Ländern Mittel- und Südamerikas ist es als Sakrament staatlich anerkannter Religionen mit indigenen Wurzeln gewürdigt und mehr oder weniger frei erhältlich.
Die 2019 veröffentlichte, kolumbianische Netflix-Produktion Frontera Verde mit acht Folgen zu je ca. 45 Minuten wurde von Ciro Guerra produziert, der sich bereits mit seinem oscarnominierten Film Der Schamane und die Schlange mit dem psychodelytischen Schamanismus der indigenen Kulturen Amazoniens befasste. In seiner Serie kommt die Polizistin Helena (Juana del Rio) einem mächtigen Zauber auf die Spur, der von einem exotischen Urwald-Stamm beschützt wird, damit er nicht in missbräuchliche Hände gerät – die allerdings längst ihre Klauen ausgefahren haben, um sie ihm ins Herz zu schlagen und sich seiner Kraft zu bemächtigen.
Die Krimi-Story und ihre Charaktere sind sehr geschickt und spannend inszeniert, aber das große Alleinstellungsmerkmal der Serie ist ihre liebe- und respektvolle Verwebung mit dem Ayahuasca-Kult und seiner unergründlichen Mysteriosität. Es ist schon erstaunlich, dass die Serie bis heute weder ins Englische noch in sonst eine Sprache übersetzt wurde. Wer in ihren Genuss kommen will, muss entweder fließend Spanisch verstehen oder englische Untertitel mitlesen. Auf eine anständige Veröffentlichung auf DVD oder BluRay mit entsprechenden Sprachfassungen und Untertiteln verzichtet Netflix trotz absoluter Traum-Ratings. Aber hier dreht sich eben alles um wirkliches, ernsthaftes Geheimwissen. Deshalb zahlt sich die Anstrengung auch aus: Frontera Verde ist ein einmaliges Erlebnis und verspricht einen äußerst seltenen spirituellen Sog. Fast als hätte sich Carlos Castaneda von Indiana Jones und Aquirre zu einem Drehbuch inspirieren lassen.

